Warum gibt es im Yamaha-Modellprogramm keine Supermotard-Maschine?
Warum gibt es im Yamaha-Modellprogramm keine Supermotard-Maschine?
Auf diese Frage gibt es zwei Antworten:
Antwort 1: Yamaha hatte schon 1988 ein Supermotard-Modell im Programm. Und zwar in Gestalt der TDR 250, die als eines der ersten Motorräder Asphalt- und Offroad-Qualitäten kombinierte.
Antwort 2: Die Supermotard-Klasse konnte sich in Europa nie wirklich durchsetzen. Ganz anders entwickelte sich beispielsweise das Segment der Reise-Enduros, das Mitte der Achziger Jahre von der Yamaha TENERE begründet wurde und stark anwuchs. Demgegenüber lassen sich Supermotard-Serienmaschinen nur in geringer Stückzahl verkaufen.
Üblicherweise greifen die Fans auf Enduro-Maschinen zurück und rüsten diese mit Gussrädern, breiteren Reifen und kräftigeren Bremsen aus. Als Basis für eine echte Supermotard-Rennmaschine hat Yamaha die Hard-Enduro WR426 im Programm, die idealer Weise mit einem kraftvollen und dennoch kompakten sowie leichten Motor ausgerüstet ist. Für den Einsatz auf der Straße empfehlen sich die Modelle XT 600 und TT 600, die von vielen Kunden in der oben beschriebenen Weise modifiziert werden - und das mit bemerkenswerten Ergebnissen!
Eine Zeitreise in die Achtziger Jahre
Begleiten Sie uns auf einer Zeitreise zurück in die Mitte der Achtziger Jahre. Als die XT 600 TENERE nach ihrem Sieg bei der Rallye Paris-Dakar in aller Munde war, beschäftigten sich unsere Produktplaner bereits mit ganz anderen Überlegungen: Sie dachten darüber nach, wie man den Federungskomfort, das agile Handling, die hohe Sitzposition und die Kontrollierbarkeit einer Enduro mit der Leistung und Stabilität einer Straßenmaschine kombinieren könnte. Ziel war ein Motorrad, das besonders auf verwinkelten Straßen Spaß machen sollte und auch in extremen Schräglagen leicht zu dirigieren war. Kurzum: Es musste ein Funbike her, das sich auf engen Passstraßen und wechselnden Untergründen gleichermaßen wohl fühlte - Bedingungen also, unter denen hubraumstarke Supersport-Maschinen von ihrem Piloten Schwerstarbeit verlangen!
Schon 1985 wurden der Motor der XS 650 und das Chassis der TENERE zu einem frühen Supermotard-Prototypen zusammengefügt.
Supermotard: Straßenmaschine mit Offroad-Handling.
Schon 1985 am Start: der erste Prototyp
Yamaha Motor Europe rüstete den Prototypen mit einem modifizierten Motor der XS 650 aus, der eigens zu diesem Zweck auf 900 cm3 aufgebohrt wurde. Der klassische luftgekühlte Twin fand sich alsdann im Rahmen einer XT 600 TENERE wieder, die vorn und hinten mit speziellen Federelementen und breiten Straßenreifen bestückt war. Nach ausführlichen Praxistests in den Alpen herrschte unter den Testfahrern und Produktplanern Einigkeit: Eine tolle Maschine, um auf verwinkelten Passstraßen sportlich unterwegs zu sein.
Der anfängliche Optimismus verflog jedoch schnell, denn Marktstudien hatten ergeben, dass die Mehrheit der Sportfahrer auf das wachsende Segment der Supersportler vom Schlage einer Yamaha FZR 1000 oder einer Suzuki GSX-R 750 fixiert waren.
Ingenieure sehen Chancen für die Supermotard
In Japan waren nicht wenige Planer und Ingenieure davon überzeugt, dass die Kombination von On- und Offroad-Talenten durchaus eine Zukunft hatte. Das Konzept sollte jene sportlich orientierten Fahrer ansprechen, die auf den schmalen japanischen Straßen zuhause waren. Das Ergebnis war die TDR 250. Zu den wesentlichen Merkmalen dieser einzigartigen Konstruktion zählten ein supersportlicher Zweizylinder-Zweitaktmotor aus der Yamaha TZR 250 sowie ein handlicher Stahlrohrrahmen, der von einem Offroader abgeleitet war. Verkürzte Federwege und die massive Scheibenbremse der TZR 250 machten die neue TDR gerade auf verwinkelten Strecken zu einem potenten Straßenfeger, der dank seiner leicht profilierten Geländereifen auch unbefestigte Wege meisterte. Die Präsentation fand 1987 auf der Tokyo Motor Show statt. Im damaligen Pressetext heißt es: "Mit spielerischem Handling und beeindruckender Spurtstärke schreibt der leichtgewichtige Kurvenräuber ein neues Kapitel der Motorradgeschichte." Die Verkaufszahlen in Japan und Europa konnten sich in der Tat sehen lassen. Die Hälfte aller Modelle rollte nach Frankreich, wo die Popularität der Supermotards am größten war (mehr dazu in der TDR-Geschichte). Mit dem Niedergang der Zweitakter kam wenige Jahre später auch das Aus für die TDR 250.
Nach einiger Zeit versuchten die Produktplaner, das Supermotard-Konzept noch einmal zu beleben. Als Basis diente nun die Viertakt-Enduro TT 600. Wieder schickte man einige Prototypen auf die Straße, doch die Marktsituation hatte sich kaum verändert: Echte Supermotard-Maschinen (auch Superbiker genannt) waren nach wie vor ein Nischenprodukt. Zwar haben extreme Modelle wie die KTM Duke oder die Husqvarna NOX eine treue Fan-Gemeinde, doch an die Popularität einer BMW F 650, Suzuki Freewind oder Aprilia Pegaso reichen sie nicht heran. Letztere sind weniger sportlich und betonen statt dessen ihre Touring- und Alltagstauglichkeit.
Sven Ermstrang, Product Planning Manager bei Yamaha Motor Europe: "Um ehrlich zu sein, schlägt unser Herz eher für ein emotionales als für ein ‚logisches' Konzept, wenn es um zukünftige Einzylinder-Maschinen geht. Wir sind gerade dabei, die gesamte Bandbreite von der Enduro bis hin zu Supermotards und Straßen orientierten Konzepten zu überdenken. Dabei steht außer Frage, dass der wuchtige Charakter des Einzylinders einen ganz besonderen Reiz ausübt. Und wir würden gerne wissen, in welcher Art Motorrad unsere Kunden den Motor sehen möchten."